Vika Kirchenbauer

Violet but more radical

19. November — 29. Januar 2022

Violet but more radical

Ultraviolett liegt gleich nach Violett, wie der Mensch es sieht.
Die Wellen sind etwas zu kurz, um optisch wahrgenommen zu werden. Ich stelle es mir vor wie Violett, nur radikaler.
Tiere, die es wahrnehmen können,
sehen das eigentliche Himmelsviolett.
Von oben erkennen Vögel in Feldern das Leuchten von Mäusepisse. Die Pisse verrät die Maus.
Die Maus sitzt aufrecht im Gras,
ihrer Unsichtbarkeit vor anderen sicher.
Ein Raubvogel erkennt die Schwäche der Maus
in etwas, das sie selbst nie für bemerkenswert halten würde.

Textauszug aus UNTITLED SEQUENCE OF GAPS, 2020 (Übersetzung aus dem Englischen)


Der Kunstverein Kevin Space freut sich, die erste Einzelausstellung von Vika Kirchenbauer in Österreich zu präsentieren. In Videos, Installationen, Musik und theoretischen Texten untersucht sie die sichtbaren und unsichtbaren Erscheinungsformen von Gewalt, und reflektiert dabei die Umstände, unter denen Subjekte in gesellschaftliche Machtstrukturen verwickelt und innerhalb dieser situiert sind. Sie verbindet Fragen zu persönlicher sowie kollektiver Erinnerung und Nichterinnerung mit den Politiken des Betrachtens, verhandelt die Rolle von Affekten im Feld der zeitgenössischen Kunst und problematisiert die Art und Weise, in der marginalisierte Körper in Ausstellungsräumen erfahrbar und erlebbar werden.

Für Violet but more radical präsentiert Kirchenbauer neben ihrer jüngsten ortsspezifischen Installation eine Auswahl von Bewegtbildarbeiten aus den letzten fünf Jahren. Die Ausstellung konzentriert sich auf einen kontemplativen, poetischen Strang von Kirchenbauers künstlerischer Praxis, in dem das Intime als Perspektive dient, um soziale Machtverhältnisse zu untersuchen. Dabei beschäftigt sich Kirchenbauer mit Formen von Gewalt und Affekt fernab der Sichtbarkeit, und betont das transformative Potenzial des Opaken und Mehrdeutigen. Ausgehend von ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit dem westlichen Impuls, das Nicht-Greifbare in einen normativen Bildraum zu überführen, stellen die ausgewählten Arbeiten den Versuch dar, die Beziehung zwischen Repräsentation, Betrachtung, Erinnerung und Trauma neu zu überdenken.

In ihrem Essay INFRARED DREAMS IN TIMES OF TRANSPARENCY (der 2014 veröffentlicht wurde und auf der Website der Künstlerin sowie im Ausstellungsraum verfügbar ist) untersucht Kirchenbauer die Verflechtungen zwischen den technokratischen und technologischen sowie den kognitiven und affektiven Dimensionen des Kriegsdrohnensystems in Bezug auf dessen militärische Nutzung von Infrarotbildgebungsverfahren. Die technokulturellen Analysen der Künstlerin haben auch die drei Einkanalvideos SHE WHOSE BLOOD IS CLOTTING IN MY UNDERWEAR (2016), MOOD MANAGEMENT (2017) und SHAME/HUMILIATION (2018) wesentlich beeinflusst. Hier setzt sie Infrarotbildgebung für eine äußerst sinnliche Bildsprache ein, deren visuelle Entschlüsselung sich jeglicher Eindeutigkeit entzieht. Alle drei Arbeiten dienen gleichzeitig als Musikvideos für Kirchenbauers Musikprojekt COOL FOR YOU (seit 2015), für das sie vorwiegend Chorsamples aus der Sacred-Harp-Musiktradition verwendet, um sich mit den kolonialen Verstrickungen dieser christlichen Harmoniestrukturen auseinanderzusetzen. Im Kunstverein Kevin Space sind die Videoarbeiten in die Installation SPECTRAL SENSITIVITY (2021) eingebettet. Diese verbindet spektrale Reduktion durch eine lichtdurchlässige Fensterfolie mit elektromagnetischer Strahlung im ultravioletten Bereich, welche als solche für das menschliche Auge zwar unsichtbar ist, jedoch durch Reflexion und Brechung auch im sichtbaren Bereich bemerkbar wird.

Die Ausstellung Violet but more radical verweist wiederholt auf eine Potenzialität, die sich jenseits eines normativen menschlichen Spektrums befindet. Der Titel der Ausstellung ist einer Textzeile von UNTITLED SEQUENCE OF GAPS (2020) entlehnt, einer essayistischen Reflexion über die Übersetzbarkeit von Gewalt und die Politiken des Rückkehrens, die zugleich eine Einladung dazu darstellt, die Lücke nicht als Abwesenheit, sondern als Form der Präsenz zu begreifen. Kirchenbauers neuestes essayistisches Video THE CAPACITY FOR ADEQUATE ANGER (2021) verhandelt anhand von vergangenen Erfahrungen und visuellen Archiven die Komplexität des Persönlichen als Ressource, die Politiken des Unbehagens sowie die sozialen Dynamiken von Entfernung und Entfremdung.


Vika Kirchenbauer ist eine in Berlin lebende Künstlerin, Autorin und Musikproduzentin. Kürzlich präsentierte der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, eine umfassende Einzelausstellung von Kirchenbauers Arbeit mit dem Titel FEELINGS THAT MOVE NOWHERE. Ihre Videos und Installationen wurden in Gruppenausstellungen und Screenings u. a. im Tainan Art Museum, Taiwan, in der Whitechapel Gallery, London, in der Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen, bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, beim New York Film Festival und beim Toronto International Film Festival gezeigt.

Kuratiert mit Viktor Neumann

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