Stefan Sulzer

Unausgesprochen

05. November — 27. November 2016

Kevin Space freut sich die erste Einzelausstellung des Schweizer Künstlers Stefan Sulzer in Wien zu präsentieren. Meist auf gesellschaftliche, sozialpolitische, historische oder autobiographische Begebenheiten zurückgreifend, untersucht Sulzer in seinen Videoarbeiten und multimedialen Installationen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Historie und Historiographie, Erzählung und Nacherzählung, Erlebtem und Erinnerung.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Premiere seiner neuesten Videoarbeit Unausgesprochen (2016). Im Herbst 2010 reiste Sulzer nach Wien und verbrachte mehrere Tage im Simon Wiesenthal Archiv, dem Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes. Unausgesprochen verarbeitet die Ergebnisse und offenen Stellen der Nachforschungen des Künstlers über den langjährigen, außergewöhnlichen Briefwechsel und der sich daraus entwickelnden freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Architekten des Dritten Reichs Albert Speer und dem Holocaust-Überlebenden und unermüdlichen Kämpfer gegen NSVerbrecher/innen Simon Wiesenthal. Von Hilke Altefrohne, einer Schauspielerin des Ensembles des Schauspielhauses Zürich interpretiert, übersetzt Sulzer diesen außergewöhnlichen Austausch und persönliche Reflektionen in einen vielstimmigen Monolog freigesetzter Bedeutungen und Erinnerungen; ein Raum für Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten von Geschichte und Ideologie, der auch von mahnender Gegenwärtigkeit und Menschlichkeit getragen ist.

Die Videoarbeit Heim (2015) zeigt Bilder aus der seit 20 Jahren von Karl J. Sulzer – dem Vater des Künstlers – bewohnten Sozialwohnung. Dem intimen Blick auf dessen zuhause folgend, setzt sich der Künstler in Heim eingehend mit der eigenen Herkunft auseinander. Der minutiösen Aufnahme persönlicher Gegenstände und Erinnerungen folgend, mutet Heim gleichzeitig ein archivarischer und zurückhaltender Blick an, der sich formal auch im gleichnamigen Künstlerbuch erschließt: das modifizierte Exemplar des vom Vater 1988 veröffentlichten Buches „Soldat schweig!“ über dessen Zeit beim österreichischen Bundesheer beinhaltet eine Fotoserie von 14 Aufnahmen derselben Wohnung.

Im Kontext des zeitgenössischen politischen Klimas und der zunehmenden Emotionalisierung durch den “populistische Moment” positioniert sich Untitled (Soundpiece) bewusst als disruptiver Moment der Störung in der Ausstellung. Unterschiedliche auditive Manifestationen von Euphorie – auf Konzerten aber auch auf Demonstrationen von Rechtsradikalen und Linksautonomen aufgenommen – durchdringen den Ausstellungsraum und überlagern für kurze Momente die subtile Aufarbeitung von privaten und historischen Geschichten. Diese affektiven Eingriffe offenbaren ein fragiles und poröses Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart und hinterfragen systemisch Momente von Kontinuität und Wiederholung.

"Unausgesprochen" ist die erste Ausstellung der neuen Serie Heimat, im Rahmen derer internationale wie lokale Künstler und Künstlerinnen eingeladen werden, den konfliktreichen Begriff der “Heimat” aus unterschiedlichen Perspektiven zu durchleuchten: Was bedeutet Heimat angesichts zunehmender Globalisierung, Mobilität und Migration auf der einen und gleichzeitigem Innwärtsblicken, Stagnation und Abgrenzung auf der anderen Seite? Diese Ausstellungs- und Interventionsreihe erkundet unterschiedliche Konzepte dessen, was heute als Zuhause betrachtet wird sowie Entwicklungen räumlicher, sozialer, kultureller und persönlicher Grenzen und Mythen und Narrative von Nation und Identität. Heterogene
Artikulationen sich wandelnder und sich stetig verschiebender Schwellen zwischen Wir und Sie, Ich und Anderer sowie Geschichte und Gegenwart ermöglichend, versteht sich Heimat als Ort der Erzählung, Begegnung und kritischen Reflektion.


Stefan Sulzer lebt und arbeitet in Zürich. 1978 geboren, studierte Sulzer Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste, der Glasgow School of Arts und hat seinen Master am Goldsmiths College in London absolviert. Zu seinen Einzelausstellungen zählen The Day my Mother Touched Robert Ryman bei Title Date Duration (Manchester) und Galerie Bernhard (Zürich), Anthem in der Swiss Church in London, The Reading Room in Duplex (Sarajevo) sowie Stefan Sulzer bei Florian Christopher in Zürich. Seine Arbeiten wurden im Rahmen von Gruppenausstellungen unter anderem im Centre Pompidou in Paris, Tate Modern in London, Salon Dahlmann in Berlin und Helmhaus Zürich gezeigt. 2016 wurde Sulzer für den Pavilion of Reflections der Manifesta 11 in Zürich dazu eingeladen, einen Dokumentarfilm über die in Pakistan geborene Konzeptkünstlerin Ceal Floyer zu produzieren.

Unausgesprochen
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